Porträt

Caritasdirektor

Jakob Weidendorfer

Jakob Weidendorfer war Direktor in einer aufstrebenden Zeit. Unter seiner Führung schuf der Caritasverband Eichstätt zwischen 1961 und 1986 rund dreißig neue Einrichtungen: Seniorenheime, Beratungsstellen, Dienste für Kinder, überlastete Mütter, behinderte Menschen oder Obdachlose. In seiner Amtzeit entstanden auch viele neue Kindergärten, und die ambulante Krankenpflege mit ihren Vereinen nahm einen großen Aufschwung. Ein Herzensanliegen war Weidendorfer auch die Aktivierung der Caritasarbeit in den Pfarreien, z. B. durch ehrenamtliche Helfergruppen. Im Jahr 1986 umfasste der Diözesan-Caritasverband rund 1.500 hauptamtliche und ungefähr 5.000 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Am 31. März 1986 trat Jakob Weidendorfer als Domkapitular in den Ruhestand. Für seine besonderen Verdienste auf sozialem Gebiet erhielt Weidendorfer 1979 den Bayerischen Verdienstorden und die Eichstätter Bürgermedaille. Mit dem Goldenen Ehrenzeichen und dem "Brotteller" würdigte der Deutsche Caritasverband seinen unermüdlichen Einsatz. Die Genossenschaft des Rheinisch-Westfälischen Malteser-Ritterordens zeichnete ihn mit dem Magistralkaplan-Kreuz aus, der Malteser-Hilfsdienst verlieh ihm die Goldene Verdienstmedaille.

Lebenslauf

*11.3.1914   geboren in Ingolstadt-Unsernherrn
29.6.1939    Priesterweihe
16.7.1939    Aushilfspriester in Mitteleschenbach
16.11.1939  Pfarrprovisor in Mitteleschenbach
1.1.1940     Präfekt am Canisiuskonvikt in Ingolstadt
1.6.1941     2. Kooperator bei St. Joseph in Ingolstadt
1.12.1946   Subregens am Bischöfl. Seminar in Eichstätt
1.9.1950     Direktor des Knabenseminars
1961-1986  Caritasdirektor
+20.04.1998  gestorben in Eichstätt

Aus seinem Nachruf

"Weidendorfer hat für die Caritas der Kirche im Bistum Eichstätt Pionierarbeit geleistet. Er arbeitete zielstrebig, konnte sehr hartnäckig sein, war aber gleichzeitig gelassen und geduldig. Er war ein guter Menschenkenner, und er mochte die Menschen - ohne Ansehen der Person. Seine warmherzige menschliche Art, verbunden mit trockenem Humor und bodenständigem Charme, machten ihn nicht nur bei Mitarbeitern sehr beliebt. Gott ist die Liebe - daran hat er felsenfest geglaubt, und er ist nie müde geworden, den Menschen die tätige Liebe als Markenzeichen des Christentums vor Augen zu stellen."

 


Caritasdirektor Weidendorfer im Interview, 1996

Das Interview führte Karl Ferstl

 

Sie waren 25 Jahre Caritasdirektor in der Diözese Eichstätt.
Erinnern Sie sich noch an den Anfang Ihrer Tätigkeit?

Wie lange hat es gedauert, bis ich wußte, was ich zu tun habe. Es war ja vorher nichts da. Eigentlich müßte der Bischof Caritasdirektor sein, er hat im Bistum die letzte Verantwortung für die armen Teufel.

Was war Ihre schönste Zeit bei der Caritas?
Das war die Zeit, als eine Aufbruchsstimmung herrschte im Sozialbereich, Als Geld da war, Gesetze gekommen sind und wo viel entstanden ist: Kindergärten, Altenheime, Beratungsstellen usw. Dafür waren Millionen nötig.

Warum haben Sie so viele Altenheime gebaut?
Weil die alten Leute in großer Not waren, die alleinstehenden noch rüstigen Menschen, aber auch die Pflegebedürftigen. Man mußte ihnen eine Bleibe geben.

Was war für Sie als Direktor am Schwierigsten?
Den Wert der Caritas der Kirche zu zeigen: dass ich als Christ verpflichtet bin, die Not zu lindern. Die meisten Christen ersäufen ihr Christsein im Weihwasserbecken. Sie gehen aus der Kirche raus und vergessen, was sie gehört haben. Sie leben es im Alltag zu wenig.

Was haben Sie am liebsten getan?
Mir lag viel an den Mitarbeitern, und daß sie die Not sehen und bereitstehen, zu helfen. 1.500 Mitarbeiter zum Ende meiner Amtszeit sind viel und gleichzeitig zu wenig Mitarbeiter. Es ist sehr wichtig, den Mitarbeitern klarzumachen, was Caritas ist, damit sie im kirchlichen Sinne recht arbeiten. Da kann man nicht viel genug tun.

Die Mitgliedschaft bei der Caritas war Ihnen immer ein besonderes Anliegen. Warum?
Weil Mitgliedschaft eine gute Möglichkeit war und ist, an das dringend benötigte Geld zu kommen. Und: Wer Mitglied ist, steht zur Caritas und bemüht sich, diesen Geist in sein persönliches Leben zu übertragen und zuzupacken, wo Not ist: in Familien, in der Nachbarschaft usw.
Mancher sagt: Ich gebe nichts, denn mir hat auch niemand geholfen, als es mir schlecht ging. Dann haben diese Leute wahrscheinlich niemandem gesagt, daß sie in Not sind. Sollen die anderen es riechen? Aber den Neid derer, die nichts kriegen, gibt es immer. "Ein Caritasdirektor, der nicht betrogen wird, ist kein guter Caritasdirektor” habe ich oft gesagt. Lieber einmal zu
Unrecht geben als einmal einem, der dringend etwas braucht, nichts zu geben. Es ist nicht einfach, Bedürftige gerecht zu unterstützen, schwerer, als viele denken.

Woran liegt es, daß die Caritas nicht überall den besten Ruf hat?
Sie bittet dauernd um Spenden und verlangt den Leuten ständig persönlich etwas ab. Das schmeckt niemandem. Außerdem hat man viel zu wenig getan, um den Stellenwert der Caritas hervorzuheben. Christsein hängt wesentlich an der Caritas: Es heißt für den Menschen dasein. Doch das kapieren die Leute sehr schwer. In der Verkündigung wird offiziell zu wenig getan. Das ist ein großer Fehler. Denn alles, was die Kirche braucht, kann man als Caritas bezeichnen: Liebe.

Wie sehen Sie die Zukunft der Caritas?
Die Not wird größer. Die Hauptfrage ist: Woher bekomme ich die finanziellen Mittel, um die Not zu beheben?